Die verlassene Stadt
Das russische Pyramiden ist eine moderne Stadt. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann der Kohleabbau in dieser Region, am Ende des Billefjord und in Sichtweite eines riesigen Gletschers gelegen. Die meisten Gebäude wurden in den 70er Jahren und zu Beginn der 80er errichtet. Bis zu 1000 Menschen lebten in der Stadt, hauptsächlich Grubenarbeiter und deren Familien. Die meiste Zeit des Jahres war der Billefjord zugefroren und die Stadt fast autark: Eigene Kuh- und Schweinebestände sicherten die Ernährung, es gab Kindergärten, Schulen, ein Sportzentrum mit Schwimmhalle, eine Bibliothek, ein Krankenhaus und ein Hotel.
Alleine - im Jahre 1998 wurde die Stadt aufgegeben. Die Grube stellte ihren Betrieb ein, der Erhalt der Stadt war schlicht zu teuer. Eine Geisterstadt. Fast alle Gebäude sind erhalten. Doch was wird aus einer Stadt, in der seit fast zehn Jahren niemand lebt?
Das Holz des Kais ist morsch, auf einer Seite sinkt er ab. Einige Stellen sind ausgebessert von den zwei Arbeitern, die in Containern am Hafen wohnen - wirklich bewohnen tun sie die Stadt jedoch nicht. Nur eine Gruppe von Touristen zieht im kurzen Sommer durch diese unwirkliche Welt. Der Schotterweg in die Stadt ist umgeben von Müll, Eisenteilen, gebrochenen Leitungen. Am Hafen steht das Kohlekraftwerk, einige Gebäude sind ausgebrannt. Über der Stadt thront der Eingang zur ehemaligen Grube, inklusive Pipeline vom Berg in die Stadt zum Abtransport der Kohle.
Nach einigen 100 Metern erreichen wir den Eingang zur Stadt, markiert durch eine hohe Skulptur. Viele Fußwege in der Stadt führen über Bretterbohlen. In Permafrostgebiet müssen alle Leitungen überirdisch verlegt werden, und auch wegen des Schnees im Winter ist es sinnvoll, Fußwege etwas höher anzulegen. Im Zentrum der Stadt ist der Weg betoniert. Importiertes Gras wächst auf einer Fläche in der Mitte, und erobert sich unweigerlich die Wege, die aufreißen und langsam unter dem verwehten Sand und dem Gras verschwinden werden. Wasser eines nahen Flusses hat innerhalb eines Frühlings den Sportplatz zerstört: ein Meter tief ist der Boden aufgerissen und das Wasser lief durch die Stadt. Der Fluß wurde umgeleitet, sonst wären die Gebäude eingestürzt.
Bis auf einzelne zerbrochene Fensterscheiben sind sie allerdings äußerlich intakt. Die Häuser sind, ganz anders als in Longyearbyen, das eher einer Containerstadt gleicht, meist mehrstöckige Betonbauten. Man hat sich allerdings mit der Gestaltung der Fassaden große Mühe gegeben. Pyramiden wurde als Vorzeige-Stadt geplant. Zweistöckige Wohnhäuser im Zentrum sind sehr hübsch, das Kino ist mit blauer Farbe gestrichen. Die Schwimmhalle soll reich verziert sein.
Die meisten Fenster der Gebäude sind aber nun mit Holzbrettern verdeckt, die Eingangstüren zugenagelt. Die Touristengruppen betreten die Gebäude nicht, und man will es auch gar nicht. Am beeindruckendsten ist die Front des Gebäudes der Arbeiter: Ein riesiger Betonklotz, Fenster an Fenster und auf jeder Fensterbank finden sich genau drei Möwennester. Jeden verfügbaren Platz haben die Möwen genutzt und ein unglaubliches Geschrei tönt einem entgegen. Ich fand den Anblick erschreckend und hatte unweigerlich das Gefühl, meine Fensterbänke verteidigen zu müssen. Aber niemand in Pyramiden stört sich mehr daran.
In den Hallen in der Nähe des Hafens wird der Verfall am deutlichsten. Alles rostet, Leitungen sind gebrochen. Ein Wieder-In-Betrieb-Nehmen der Stadt scheint einfach unmöglich. Zehn Jahre nur - keine so lange Zeit, oder?

