Bernd & Natalie

Leben in einer Polarnacht

Letzten Winter saß ich im Physikalischen Institut im Philosophenweg und während ich der Teilchenphysik-Vorlesung lauschte, genoß ich die sanften Strahlen der tiefstehenden Sonne, die durch die hohen Fenster in den altertümlichen Hörsaal fielen. Wissend, daß ich im nächsten Winter zwei Monate auf ihr Licht und ihre Wärme verzichten muß, freute ich mich an jedem Sonnenstrahl. Heute ist der 30. Dezember, sechs Wochen in die Polarnacht. Kann man so leben, in der Dunkelheit? Selbstverständlich! Und wie lebt es sich? Das will ich hier erzählen.

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Viele Menschen sind fasziniert von der Vorstellung, aber wollen es nicht unbedingt ausprobieren. Manche sind sicher auch gerne wieder in sonnigere Teile der Welt zurückgekehrt. Es müssen nicht gleich Depressionen sein, das Fehlen des Lichtes kann auch einfach nur müde und antriebslos machen. Für andere ist die Polarnacht ganz natürlich, wie für die meisten Einwohner von Tromsø. Einige von ihnen sind noch weiter nördlich aufgewachsen. Für viele ist es die schönere Zeit des Jahres - und die Kinder lieben die Polarnacht.

Das Licht

Zunächst einmal muß man wissen, daß es nicht vollständig dunkel wird. Zwei bis drei Stunden am Mittag herrscht immer ein Dämmerlicht. Man sieht die Sonne nicht, aber sie ist nicht weit entfernt. Sie ist niemals weit entfernt, wenn man sich die Erdkugel vorstellt: Die Polargebiete befinden sich höchstens am Rand der dunklen Seite der Erde. Nur eben ein bißchen länger als der Rest der Welt.

polarnacht Das Dämmerlicht, übrigens, ist wunderschön. Es ist ein unglaubliches blaues Licht, das sich nicht auf Photos einfangen läßt. Wie hell es wirklich wird, hängt sehr stark von der Bewölkung ab. Ist der Himmel klar, wird es mittags heller, und nachts sehr dunkel. Bei Bewölkung erreicht uns zwar weniger Sonnenlicht, aber nachts reflektieren die Wolken die Lichter der Stadt. Die Folge ist entweder ein unnatürliches, lila-farbenes Licht, oder, vor allem wenn Schnee liegt, erscheint plötzlich alles schwarz-weiß.

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Gesundheit

Gesundheitliche Folgen hat das Fehlen des Lichtes übrigens nicht. Die im Sonnenlicht enthaltene UV-Strahlung regt in der Haut eine Synthetisierung von Vitamin D an. Mangelerscheinungen, wie sie früher in hohen Breiten auftraten, sind Rachitis und eine höhere Anfälligkeit für Infektkrankheiten. Vitamin D kommt natürlicherweise in Lebertran, verschiedenem Fisch, Kalbfleisch, Eigelb, Leber, Sahne und Kuhmilch vor. Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sichert im allgemeinen eine ausreichende Vitaminzufuhr. Seltsamerweise haben wir die Beobachtung gemacht, daß manches Obst und Gemüse im Winter sogar billiger wird (möglicherweise liegt das aber nur daran, daß die importierten Waren billiger sind als die im Sommer in Norwegen produzierten). Zur Nahrungsergänzung gibt es flüssige Multivitamine, eine Mischung die, morgens und über einen längeren Zeitraum eingenommen, für eine Reihe von Vitaminen den Tagesbedarf deckt. Übertriebene Sorge ist nicht angebracht und die Multivitamine wirken: wir sind noch nie krank gewesen.

Das Wetter

Der Winter in Tromsø ist nicht wirklich kalt. Daß es Plusgrade gibt, ist aber eher eine schlechte Nachricht: es bedeutet, daß der Schnee schmilzt und es regnet, statt zu schneien. Regen bedeutet: das Wasser, das auf den Wegen steht, wird irgendwann zu Eis gefrieren und dann sind die Straßen und Wege spiegelglatt. Wenn dann wieder Neuschnee fällt, sieht man das darunterliegende Eis nicht - manchmal ist es eine Qual, laufen zu müssen und man wünscht sich, man hätte wieder festen Boden unter den Füßen.

polarnacht Schuhe mit gutem Profil (keine Trekking- oder Wanderschuhe) sind am besten um auf dem Eis zu laufen. Norweger übrigens haben keine Probleme mit dem Eis. Nur für alte Damen gibt es "ice claws" (ich nenne sie einfach "spikes"), die aus Gummiriemen bestehen, die man über die Schuhe ziehen kann und unten kleine Metallstifte haben. Damit outet man sich unweigerlich als Ausländer, selbstverständlich, aber das ist mir egal. Das Gelbe vom Ei sind sie allerdings nicht. Es läuft sich zwar etwas sicherer, aber angenehm zu tragen sind sie auch nicht. Außerdem verrutschen sie gerne auf den Schuhen, dann läuft man nicht auf Metallstiften, sondern auf glattem Gummi, und das rutscht ganz hervorragend auf dem Eis.

polarnacht Wenn es dann wieder wärmer wird, matscht es und auf den Straßen stehen zentimetertief unter Wasser. Wasser, daß dann natürlich in die Schuhe läuft.. Neuschnee und leichte Minusgrade sind deshalb das Beste! Tromsø hat übrigens ein wunderbar funktionierendes Schneebeseitigungssystem: In der Stadt werden im Minutentakt LKWs mit Schnee beladen, die ihn aus der Stadt fahren. Die Anwohner benutzen kleinere Bagger, um den Schnee vor ihrer Haustür in Nachbars Garten zu schütten. Umgefahrene Zäune nimmt man dabei in Kauf. Manche bauen ihre Zäune auch einfach ab, wenn der Winter kommt.

polarnacht Die Busse fahren mit Schneeketten, die Loipe wird gespurt und die Straßen werden morgens um halb 5 geräumt. Der Schnee wird dabei einfach nur plattgewalzt. Die schneeweißen Straßen sehen sehr schön aus, allerdings gefrieren auch sie gerne zu Eisplatten.

Winterschlaf..

Die Polarnacht bietet die idealen Voraussetzungen für einen Winterschlaf. Selbst von den sonnigen Stränden in Spanien berichten unsere Freunde im Weihnachtsurlaub von anhaltender Müdigkeit - Tromsø wirkt nach! 12 Stunden Schlafzeit am Tag sind nicht ungewöhnlich. Die Gefahr, den Tagesrhythmus zu verlieren, ist nicht zu verachten. Morgens schläft man lange und gut, als Konsequenz kann man abends nicht einschlafen. Je später man ins Bett geht, desto später wacht man auf. Problematisch wird das in dem Moment, in dem es schon wieder dunkel ist, wenn man aufsteht. Der Tag verschiebt sich, aber man spürt einen psychischen Druck, das so spärlich vorhandene Licht möglichst gut zu nutzen. Hat man es aber geschafft, zur Mittagszeit nach draußen zu kommen, wird man belohnt: Das Licht zu sehen macht wirklich den ganzen Unterschied!

Luft

polarnacht Nach draußen, übrigens, muß man immer. Egal ob in der Dämmerung oder in der Dunkelheit, frische Luft tut einfach gut. Und man hat keine Hemmungen, spät abends zu einem Spaziergang aufzubrechen, schließlich ist es nicht dunkler als um zwei Uhr nachmittags. Als letzte Orientierung schaltet die Stadt Tromsø um 23 Uhr die Beleuchtung der Langlauf-Loipe ab - aber auch das ist egal. Im Schnee sieht man trotzdem gut.

Die Polarnacht ist traditionell Ferienzeit. Auch die Uni endet Anfang Dezember und beginnt erst wieder Anfang Januar. Ein fester Stundenplan wäre sicher besser, um den Tag in den Griff zu bekommen. Verfolgt man nur seine eigenen Projekte, ist man nicht an Tageszeiten gebunden. Am Ende sind es nur noch die Supermärkte und Verabredungen, deretwegen man sich halbwegs in der Tageszeit orientieren muß.

Die Norweger nutzen die Winterzeit, um mit ihren Langlaufskiern unterwegs zu sein. Hunde und Kinder sind immer mit dabei. Die Kleinen stehen ebenfalls auf Skiern, sitzen auf Schlitten oder spielen im Schnee. Das Wetter ist niemals zu schlecht für sie, um nicht rauszugehen. Die Kinder im Kindergarten sind immer draußen und spielen beim stärksten Regen im Matsch. Eingepackt in ihre Regenklamotten werden sie beim Reingehen einfach einmal mit dem Gartenschlauch abgespritzt.

Gesellschaft

polarnacht Einsam ist die Polarnacht nicht. Ganz im Gegenteil. Es ist die Zeit, in der man Kerzen anzündet und es sich gemütlich macht. Man hat Zeit zu lesen, oder zu stricken. Man wird zu Abendessen eingeladen, zu Wohnheimsfesten, zu Weihnachtsessen. Die Menschen sitzen abends zusammen, essen gemeinsam und unterhalten sich. Die Internationalen sind dabei nicht immer, aber oft unter sich. So unterschiedlich auch alle sein mögen, sie vereint, daß sie alle in einem fremden Land leben.

Die Fenster in den Wohnheimen werden allerdings auch deutlich dunkler. Viele Internationale fliegen über Weihnachten und Neujahr nach Hause in die Sonne. Die Verbliebenen tun sich zusammen. Zu Beginn der Polarnacht kann man an der Supermarkt-Kasse übrigens Sonnencreme im Sonderangebot kaufen - und zwar in Unmengen. Vielleicht ein Indiz dafür, daß auch Norweger im Winter ihre Heimat gegen wärmere Gefilde tauschen?

Nordlichter

polarnacht Das absolute Highlight der dunklen, sternenklaren Nächte aber sind die Nordlichter. Sie sind selten, manchmal sieht man sie nur einmal im Monat. Außer vom Wetter hängen sie von der Sonnenaktivität ab. Der Sonnenfleck 930 war Mitte Dezember der einzige, der für Action gesorgt hat. Der allerdings hatte es in sich.. Wenn es Nordlicht-Alarm gibt, ist an Schlaf nicht zu denken. Man steht in der Kälte im Wald auf einer großen Lichtung, am besten nach Mitternacht, wenn auch die entfernteren Lampen schon aus sind, und hat keine Ahnung, wohin man schauen soll. Eine Isomatte auf den Schnee zu legen wäre ideal.

Manchmal sind es nur leichte Farben, die langsam über den Himmel tanzen. Aber wir waren in der glücklichen Lage, einen "schweren geomagnetischen Sturm" zu erleben. Es war atemberaubend. Es war nicht nur unglaublich schön, es war überwältigend. Ich habe zum ersten Mal gefühlt, wie klein wir sind, was unsere Erde für ein wunderbarer Ort ist, und wie unwirtlich und gewaltig die Welt da draußen ist. Leuchtend grelle Farben schießen in Wellen über den Himmel, bilden verschiedenste Strukturen und verschwinden wieder. Es bleibt ein schnelles, leicht grünes Pulsieren, das sich über den ganzen Himmel erstreckt und das große Schlaufen sichtbar macht - unser Magnetfeld.

Die Sonne, schön und gewaltig, bedeutet wirklich alles für uns. Auch und vor allem in einer Polarnacht.

polarnacht polarnacht polarnacht polarnacht Hier habe ich den Winkel der Sonne über dem Horizont in Grad berechnet (mit einem einfachen Modell).

 

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