Norwegische Geschichte
Diese Seite basiert auf meiner Mitschrift aus der Vorlesung Norwegische Geschichte für ausländische Studenten von Frau Prof. Randi Rønning Balsvik, sowie der Vorlesung über die Norwegische Kultur von Frau Prof. Sidsel Saugestand.
Norwegen wird um das Jahr 800 in englischen Quellen zum ersten Mal erwähnt. Die Wikingerzeit dauerte vom 9. bis zum 13. Jahrhundert. Basierend auf Plünderungen und Sklaverei wurde eine Monarchie als Allianz des Königs mit der lokalen Aristokratie aufgebaut, die lange Zeit unangefochten blieb. Wichtige Entwicklungen dieser Zeit waren die Christianisierung und die schriftliche Fixierung regionaler Gesetze. Die Bevölkerung war auf eine halbe Million Menschen angewachsen.
Wie im restlichen Europa reduzierte die Pest 1349/50 die Bevölkerung dramatisch auf 200 000 Menschen. Unter diesen Bedingungen zerfiel das Königreich und die Aristokratie, und Norwegen wurde eine dänische Kolonie. Die nächsten vierhundert Jahre waren geprägt von Ausbeutung einerseits, aber auf der anderen Seite auch einem Bevölkerungswachstum. Deutsche Händler ließen sich in der Stadt Bergen nieder und organisierten den Handel mit Stockfisch - das wichtigste Standbein der norwegischen Wirtschaft. Desweiteren waren der Handel mit Holz und der Bergbau (vor allem Silber und Kupfer) von Bedeutung.
Im Jahre 1811 wurde die Universtität in Oslo gegründet. 1814 löste sich Norwegen von Dänemark, am 17. Mai 1814 wurde die norwegische Verfassung aufgesetzt. Allerdings war damit Norwegen nicht unabhängig, sondern noch bis 1905 in einer Union mit Schweden verbunden. Das bedeutet, daß Norwegen und Schweden zwar König und Außenpolitik teilten, Norwegen aber sein eigenes Parlament und seine eigene Armee hatte.
Wie das übrige Europa begann ca. im Jahre 1850 die Industrialisierung. Zuvor besaßen und bewirtschafteten Bauern den Grund und Boden, das Einkommen war breit verteilt, d.h. es gab einen großen Markt für Konsumgüter. Die wirtschaftliche Expansion betraf vor allem die Gebiete Schifffahrt (die norwegische Flotte war die größte der Welt), Holzhandel und Fischfang. Der Bevölkerungswachstum führte bald zu einer Emigration in die USA. Die zivile Gesellschaft entwickelte sich weiter mit der Bildung von Vereinigungen und politischen Parteien. Norwegen entwickelte sich mehr zu einem demokratischen Staat, das Parlament bekam mehr Rechte gegenüber dem König.
Im Jahr 1905 wurde die Union mit Schweden aufgelöst aufgrund eines Interessenkonfliktes betreffend der Außenpolitik: Norwegen hatte aufgrund der langen Küste natürlicherweise andere Prioritäten als Schweden. Eine Volksabstimmung bestätigte die Trennung und Norwegen wurde unabhängig. König von Norwegen wurde der Prinz von Dänemark, dessen Frau die Tochter der Königin von England war.
Die wichtigen Entwicklungen bis 1940 waren politischer Art: Konzessionsgesetze schützen norwegische Resourcen vor ausländischen Investoren und die Rechte von (vor allem unehelichen) Kindern wurden gestärkt. Darüberhinaus wuchs die elektrochemische Industrie (Dünger), sowie der Walfang, in heimischen Gewässern wie in der Antarktis. Das hat dem Image von Norwegen nachhaltig geschadet.
1940 bis 1945 war Norwegischen unter deutscher Besetzung. Der König floh, nach einem kurzen Aufenthalt in Tromsø, nach England. 1949 wurde Norwegen Mitglied der NATO. Die Zeit bis zu den 70er Jahren war wie im restlichen Europa von wirtschaftlichem Aufschwung geprägt und Norwegen entwickelte sich zu einem Sozialstaat mit einem regulierten Kapitalismus. Materielle Güter sind gleichmäßig verteilt und die Norweger glauben daß die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten nirgendwo kleiner sind als in Norwegen.
1970 kam die Wende: Öl vor der Küste Norwegens. Mit der Aneignung und später Entwicklung der entsprechenden Technologie wurde Norwegen zu einem der reichsten Länder der Welt. Zu einem Teil ist man sich der Probleme bewußt und strebt eine nachhaltige Entwicklung an, denn klar ist, daß es eines Tages kein Öl mehr geben wird.
Auch wenn sie es nicht gerne zugeben, ist an das Öl und das Geld auch die Frage der Mitgliedschaft in der Europäischen Union gebunden. In mehreren Volksabstimmungen wurde gegen eine Mitgliedschaft gestimmt.
Die gesellschaftlichen Fragen, die blieben, betrafen die Rechte der eingeborenen Sami, die den nördlichsten Teil Norwegens (und auch Finnlands) bewohnen. Sami sind traditionell Rentier-Züchter und ziehen mit den Rentierherden. Frau Prof. Saugestad hat es schön formuliert: Diese Art der Bewirtschaftung hinterläßt keine Strukturen: keine Städte, keine Brücken; sie hinterläßt vielmehr die Landschaft so wie sie gewesen ist - die perfekte Umsetzung dessen, was wir heute als Nachhaltigkeit bezeichnen. Das Problem ist, daß das Fehlen der Strukturen den Eindruck hinterläßt, als sei das Land unbewohnt und würde niemandem gehören - ein Fehler natürlich.
In den 70er und 80er Jahren wurde man sich der ethnischen Fragen mehr und mehr bewußt. Am Ende des Prozesses erhielten die Sami ein eigenes Parlament und Budget. In die Verfassung wurde der einfache, aber entscheidende Satz eingetragen: "Dieses Land wird von zwei Völkern bewohnt." Die Städte- und Straßennamen im Norden sind alle in beiden Sprachen ausgezeichnet, ebenfalls wie alle Bezeichungen an der Universität von Tromsø.
Was bleibt? Im Human Development Index der Vereinten Nationen erscheint Norwegen seit 2001 durchgehend auf Platz 1. Norwegen ist das "beste Land" der Welt. Die Norweger sind stolz auf diesen Titel, aber stellen sich andererseits auch viele Fragen: Warum nehmen im besten Land der Welt mehr und mehr Jugendliche Drogen? Kann es sein, daß im besten Land der Welt alte Menschen in Altenheimen leben, in denen das Pflegepersonal knapp bemessene Zeitpläne einhalten muß?
Auch hier ist natürlich klar: Ob Menschen glücklich sind oder nicht, hat mit der Kaufkraft oder der Analphabetenrate wenig zu tun.

