Einführungswoche
Wir sind am Montag abend in Tromsø angekommen, mit dem Norwegian-Flug aus Oslo. Wie man uns per Mail geraten hatte, haben wir ein Taxi zum Scandic Hotell genommen, an dessen Rezeption Infomappen für uns hinterlegt waren. Darin waren auch Schlüssel und Adresskarten enthalten, so daß wir uns gleich zum Wohnheim bringen lassen konnten.
Bis dahin hatten wir keine Ahnung, was uns am nächsten Tag erwarten würde und waren einigermaßen erstaunt ob der Flut an Infoblättern. Da lagen Buspläne und Stadtpläne bei, Stadtführer von der Tourist Info, eine Liste aller internationalen Studenten, Faltblätter zum Wohnheim, die Magnetkarte für die Waschmaschine, mehrseitige Anleitungen für den Internetzugang, mehrseitige Zusammenfassungen der wichtigsten Infos zu allen praktischen Dingen, etc. etc. Und es lagen mehrere Programmhefte dabei. Es sah so aus als wäre volle zwei Wochen Einführungsprogramm!
Am nächsten Morgen um 9 Uhr ging es los: Der Weg zum "Introductory Programme" war schon ausgeschildert, so daß niemand verloren gehen konnte, und ein großes Banner hat das entsprechende Gebäude geschmückt. Zuerst haben wir Namensschilder bekommen; und uns dann in einem großen Hörsaal versammelt (wahrscheinlich der größte). Das erste was auffiel: Die Sitze waren komplett gepolstert! Cool, und das ist tatsächlich in den meisten Hörsälen so.
Das tolle am ersten Tag war, daß plötzlich alle Namen Gesichter bekommen haben, und daß man auch auf einmal ganz viele Gesichter und Namen kannte: alle Leute in grünen T-Shirts waren da, um uns zu helfen. Und das haben sie auch getan. Artur hat sich um unsere Namensschilder gekümmert, Line ist das Herz der ganzen Organisation: sie hat an alles gedacht und ist eine ganz liebe Frau. Magdalena und Lasse sind für uns in der Uni-Verwaltung zuständig. Und dann gibt es noch das Studentenwerk der internationalen Studenten mit ihrem Präsidenten Gemechu, und Edwin, Nadine, Adam und Rachel und eine Menge mehr Leute. Die ISU ist übrigens fest in der Hand von Studenten aus Ghana und Kamerun, die mit voller Begeisterung dabei sind, das ist ziemlich cool. Und das Studentenwerk für alle Studenten war natürlich auch vertreten.
Der wichtigste Programmpunkt am Morgen war: Kaffeepause. Kaffeepause heißt, man kriegt Becher in die Hand gedrückt und kann sich Tee, Wasser und Kaffee nehmen, und soviele Kekse wie man will. Irgenwie mag es ja klischeehaft anmuten, aber es war der erste Tag, wir konnten noch nicht einkaufen und hatten wirklich nichts mehr zu essen und zu trinken: wir waren höchst dankbar.
Das interessanteste war glaube ich die Vorstellung der Studenten. Sie haben sich die Zeit genommen, ein Mikrofon durch die Reihen gehen zu lassen und jeder konnte aufstehen und sich mit Namen, Land und Studienfach vorstellen. So hat man gleich ein paar Namen und Länder zuordnen können zu den vielen Gesichtern, das war wirklich gut. Wir sind 191 Studenten, aus 53 Ländern. Ein Australier, und sogar eine Norwegerin aus Dänemark. Alles vertreten. Es sind auch sehr viele afrikanische Studenten dabei. Deutschland und Spanien stellen allerdings die größte Gruppe
Der Rektor hat uns begrüßt, ein sehr fröhlicher Mensch und wir haben alle gelacht. Die Presse war natürlich auch da. Danach wurden wir in Gruppen von zehn Studenten geteilt und haben uns in der Kantine zusammen an einen Tisch gesetzt und uns ein bißchen gegenseitig vorgestellt. Und nachdem dann das erste Eis gebrochen war und man wieder ein paar Namen und Gesichter mehr kannte, gab es Mittagessen. Sandwiches für alle, und umsonst! Das war sehr aufmerksam.
Die erste Vorlesung war eine kurze Einführung in die norwegische Kultur. Der Inhalt sei jetzt nicht an dieser Stelle erwähnt, aber es war eine sehr interessante Vorlesung. Danach hat man uns noch eingeschärft, was für Unterlagen wir morgen mitbringen sollen (wie Mietverträge, etc.). Wir wurden noch über den Campus geführt, damit wir uns grob orientieren konnten: das Krankenhaus, die einzelnen Institute, die Bibliotheken mit freiem Internetzugang. Letzteres war natürlich besonders interessant, schließlich hatten sich die meisten noch nicht bei ihren Familien melden können.
Der erste Eindruck war der einer sehr offenen und herzlichen Atmosphäre, in der man trotz der vielen Studenten immer persönlich angesprochen wird, ob es einem auch gut geht oder ob man vielleicht Heimweh hat. Sehr viele Leute sind ausschließlich damit beschäftigt, einem zu helfen: da gibt es so viele Councellor, Advisors und Coordinators und natürlich Leute in grünen T-Shirts; so daß die Hauptaufgabe ist, herauszufinden, wer denn für was zuständig ist. Aber auch das ist kein Problem, denn auch das wissen die Leute natürlich, und man muß nur fragen.
Am nächsten Morgen standen "Services" auf dem Plan: Unterschreiben der Mietverträge, Bezahlen der Kaution und der Semestergebühr. Das war perfekt organisiert, so daß 200 Studenten das ohne jedes Chaos und in kürzester Zeit erledigen konnten. Danach konnten wir uns in Listen für Ausflüge eintragen, Buskarten kaufen, etc. Nach Tee und Keksen gab es die zweite Vorlesung über norwegische Geschichte, die auch sehr interessant war.
Zu Mittag gegessen (Pasta für 200 Leute in einem Topf - der Topf war riiiesig!) haben wir mit unseren "Faculty coordinators" (mal wieder Coordinators!). Den Nachmittag haben wir dann an unseren jeweiligen Fakultäten verbracht. Wir sind mit Taxis und unserem Coordinator zum Observatorium gefahren, wo die Fakultät für Physik untergebraucht ist. Das ist die einzige Fakultät, die (aus historischen Gründen) außerhalb des Campus in Breivika untergebracht ist. Ein Physik-Professor hat uns herumgeführt und uns einige Sachen erklärt. Wir, das sind 11 ausländische Physik-Studenten: fünf Deutsche, vier Spanier und zwei Italiener.
Am nächsten Morgen war Sightseeing angesagt, dazu haben wir uns gleich in der Stadt getroffen. Wie immer sehr unkompliziert, in Gruppen von vielleicht zehn Leuten, haben wir die Stadt gezeigt bekommen von einem Helfer in grünem T-Shirt. Keine Touristen-Tour, sondern mehr so: hier ist die Bank, hier kann man billig Teller kaufen, hier ist die Polizei, hier kann man internationale Lebensmittel kaufen.. genau das, was für uns eben wichtig war. Mittagessen gab es heute in 'driv', dem Haus der Studenten. Das ist ein altes Lagerhaus direkt am Kai, also hunderte Jahre alt und richtig, richtig cool. Es hat mehrere Stockwerke, und hier finden Unmengen Veranstaltungen jeder Art statt, und es ist eine tolle Atmosphäre. Danach wurden wir in Busse geladen zu einer Sightseeing-Tour über die Insel, das hat sich natürlich auch gelohnt.
Die Woche war geprägt von Info-Veranstaltungen: so hat jemand mal etwas zu den Aufenthaltsgenehmigungen gesagt, zum Gesundheitssystem, zu den Norwegisch-Kursen für Ausländer, der Uni-Pfarrer war da, die Menschen vom Computer-Service waren da, immer unterbrochen von Tee und Keksen. Am Freitag haben wir noch eine Mal-Stunde gehabt: Zehn Leute um ein drei Quadratmeter großes Blatt Papier und 20 Minuten Zeit. War ganz lustig, ich würde gerne mal sehen was bei den anderen rausgekommen ist, vielleicht werden sie irgendwo aufgehängt.
Den Mittag haben wir im Botanischen Garten verbracht mit einem großen Picknick, und das Wetter ist auch wunderbar gewesen. Und am Abend haben wir uns wieder im driv in der Stadt getroffen zu einem gemütlichen Treffen. Die internationale Woche wurde am Sonntag abgeschlossen mit einem Ausflug nach Kvaløya - und das war wirklich, wirklich schön. Man glaubt es nicht, aber es gibt hier wunderbare Sandstrände, und die Landschaft ist phantastisch - wow.
Doch.. damit ist die Einführung natürlich noch nicht zu Ende! Nicht daß jemand auf die Idee kommt. Denn jetzt fangen die zwei Wochen offizielle Einführungswochen an! Am Montag war gleich offizille Begrüßung vom Rektor, mit Rockband und allem drum und dran. Natürlich gab es wieder etwas zu essen - Obst, was wir auch ganz toll fanden. Dann hat die Fachschaft ein paar Spielchen mit ihren neuen Studenten gemacht (und zur Belohnung gab es Riesenpizza für alle!); und am Abend hat man sich dann wieder zu einer Party getroffen. Es gab ein Konzert auf dem Campus, die Qualifikationsrunde für die nationale Pizza-Essen-Meisterschaft, jeden Abend Partys in driv, Tee und Waffeln für alle internationalen Studenten von Line und den anderen, etc., etc. Eigentlich gab es viel mehr Veranstaltungen als man Zeit gehabt hat. Also langweilig wird es hier nicht!!
Die Menschen hier kümmern sich sehr intensiv um ausländische Studenten, das ist hoffe ich aus der Beschreibung klar geworden. Man wird sehr herzlich aufgenommen und mit allen Fragen ernst genommen. Es werden keine Kosten und Mühen gescheut, genauso wie man an alles gedacht hat. Ein Beispiel: für den Ausflug am Sonntag lagen dicke Jacken bereit, für den Fall, daß jemand keine ausreichend warme Jacke dabei hatte!
Der Grund dafür mag teilweise darin liegen, daß in Tromsø ausländische Studenten sehr wichtig sind, was man vielleicht auch auf das Land als ganzes ausdehnen kann. Die Bevölkerungsdichte ist sehr gering, und eine Universität braucht zuerst mal Stundenten. So langsam wurde uns auch klar, daß es möglicherweise mehr internationale Studenten als Erstsemester geben könnte - auch das eine Überraschung.
Das zweite was auffällt ist die ausgedehnte Administration: so viele Menschen, die nur dafür da sind, unsere jede Frage zu beantworten! So etwas kostet Geld, aber das ist in Norwegen nun mal vorhanden.
Ob Norwegen aus diesen ganzen Gründen nun ein "besseres Land" ist oder nicht - diese Frage können wir (noch nicht), und möchten wir auch noch nicht beantworten: der geneigte Leser mag sich selbst sein Bild machen aus diesen und künftigen Artikeln :-) Danke fürs Lesen!

