Wanderung auf dem Festland
Am Sonntag mittag fahren wir mit dem Bus nach Kroken. Rechts am 600 m hohen Berg Nordfjellet befindet sich im Winter die Skipiste, jetzt allerdings haben wir mehr als 20 Grad und nur noch weiter oben finden sich vereinzelte Schneefelder. Von Kroken aus führt ein Tal direkt in die Berge des sogenannten Festlandes; Tromsø und Kvaløya im Westen sind ja beides Inseln.
Das Tal ist wunderschön und ganz anders als das benachbarte Tromsdalen-Tal. Entlang eines Baches geht es langsam nach oben. Nach einer halben Stunde kommt man an eine schöne Stelle am Bach, nach einer weiteren halben Stunde zu einem großen See. Direkt darüber steigt das Tal an und Unmengen Schmelzwasser stürzen als Wasserfälle hinunter zum See.
Bis hierhin sind wir einigen Norwegern begegnet, allesamt in Badekleidung. Im Gegensatz zu uns jedoch wurden sie von keiner einzigen Fliege belästigt, während wir jeweils von einen Schwarm von hunderten Fliegen begleitet wurden. Eigentlich ein schöner Platz für eine Pause, aber wir hoffen die Fliegen auf spätestens 500 Höhenmeter loszuwerden, und so geht es noch ein Stück weiter.
Über Steine klettern wir inmitten des weitverzweigten Baches nach oben und erreichen die ersten Schneefelder. Oben finden wir mehrere Seen, aber dafür haben wir auf den Steinen den Weg verloren. Und da uns die hartnäckigen Fliegen noch immer begleiten, klettern wir über Schneefelder bis auf 700 Meter, wo wir Mittagessen kochen. Eine Erfrischung im Schnee hat die meisten Fliegen wohl vertrieben, so daß wir dann doch relativ ungestört eine kleine Pause machen können. Zurück nach Westen hat man eine wunderbare Aussicht über die Insel, Kvaløya und Blåmann bis hin zum offenen Meer, und hinter uns thront schon der Tromsdalenstind.
Ein paar Meter weiter oben haben wir die höchste Stelle erreicht und können hinunter in ein großes Tal schauen. Zwischen zwei großen Seen befindet sich eine Wanderhütte. Auf dem Weg dorthin müssen wir zum ersten Mal einen Bach durchwaten. Der See, von dem er abfließt und der im Schatten eines großen Schneehanges liegt, ist noch mit Eis bedeckt. Entsprechend waren die paar Schritte durch das Wasser nicht kalt, sondern schmerzhaft.
An der Hütte sehen wir die einzigen zwei Wanderer, die uns sonst in den Bergen begegnen sollten. In der Nähe der Hütte an einem weiteren See finden wir ein schönes Plätzchen, wo wir für heute Halt machen. Mit T-Shirt liegen wir in der Sonne, während die Abbruchkanten der Schneefelder direkt am rauschenden Bach mehr als einen Meter hoch sind.
Allerdings, wie uns mittlerweile klar wird, war es keine gute Idee, ohne Sonnencreme in die Berge zu gehen. Und das in einem Land, wo man 24 Stunden am Tag von der Sonne gebraten wird. Wir stellen das Innenzelt auf, was uns nicht nur vor der UV-Strahlung, sondern praktischerweise auch vor den Insekten schützt.
Trotz der steten Helligkeit wird es ein kleines bißchen kühler, so daß wir einige Stunden im Zelt schlafen können. Als die Sonne allerdings im Osten auftaucht, wird es unangenehm warm. Wir bauen das Zelt ab, und machen uns auf die Suche nach einem schattigen Plätzchen für das Frühstück.
Südlich fällt ein riesiger Wasserfall von einem schneebedeckten Berg in einen großen See, dessen Abfluß uns schlußendlich den Weg weiter nach Osten versperrt. Von Schatten ist weit und breit nichts zu sehen. Also frühstücken wir hier am Wasser und entschließen uns, uns nach Norden zu wenden. Ein weites, langes Tal führt dort zurück zum Fjord.
Das erste Stück ist mühsam, den der Boden ist übersät von den für Permafrost üblichen "Matschhaufen": kleine Hügel von etwa einem Meter Durchmesser, zwischen dessen Rändern Wasser steht. Die Pflanzen, meist Heidelbeeren und niedrige Sträucher, werden allerdings nicht höher als 10-15 cm. Zu unserer linken fallen einige kleinere Bäche von der Kante des Plateaus, auf dem wir gezeltet haben. Über die meisten Bäche können wir springen, nur für einen weiteren müssen wir wieder die Schuhe ausziehen. Doch auf der anderen Seite führt ein Trampelpfad entlang und rote Markierungen weisen den Weg. Ich bin glücklich. Wir waren wieder einmal ohne Wanderkarte losgezogen in dem Glauben, daß das Gelände übersichtlich genug ist.
Der Weg führt uns zielsicher über die zahlreichen Bäche, die sich langsam aber sicher zu einem reißenden Fluß vereinigen. Nur eine weitere Stelle ist zu tief und zu breit für unsere Wanderschuhe. Die Landschaft allerdings ist wunderschön. Ein breites, grünes Tal, das zum Fjord führt, umringt von schneebedeckten Gipfeln.
Gegen fünf Uhr am Nachmittag erreichen wir eine zweite Hütte, auf deren Stufen wir es uns im Schatten gemütlich machen. Wir kochen zu mittag und machen Mittagspause bis die Sonne tief genug steht um weiterzugehen.
Wir wenden uns nach Nordwesten, noch einmal 100 Meter hinauf, über ein Hochplateau, und wir können schon wieder Tromsøya und Blåmanns Nase sehen. Allerdings aus einem ungewohnten Winkel, so weit nördlich sind wir zuletzt nur in Gåsvær gewesen. Wir folgen dem Weg nach Norden, kommen an einem weiteren kleinen See vorbei und sehen schließlich den Fernsehturm, den wir sonst nur aus weiter Ferne kennen. Einige Kilometer führt der Weg durch dichter werdende Pflanzen und niedrige Bäume, bis wir den Fjord sehen und schließlich die Straße erreichen.
Mittlerweile ist halb 11 am Abend und nach Movik, wo wir herausgekommen sind, fahren so spät keine Distriktsbusse mehr. Erst Kroken ist wieder an das Stadtnetz angeschlossen, aber bis dorthin ist es nicht weit und wir können die Straße entlang laufen. Als wir den mutmaßlich letzten Bus 200 Meter vor uns wegfahren sehen, hält ein netter Taxifahrer neben uns und bedeutet uns einzusteigen. Er erzählt uns Geschichten aus seinem Leben als Vertreter in der Finnmark und von Tromsø ("der einzige Ort, wo Taxifahrer bei Nacht mit Sonnenbrille fahren!" - es ist nach 23 Uhr und nicht nur er, sondern auch ich selbst habe eine Sonnenbrille auf). Schließlich läßt er uns direkt vor unserer Haustüre aussteigen und will kein Geld dafür nehmen. Das ist Norwegen - vielen Dank!

