Bernd & Natalie

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Donnerstag, 2. November

Countdown

Der Countdown beginnt pünktlich um 11:15 lokaler Zeit. Ich bin mit meinem Kollegen und einem Angestellten der Rocket Range in der USOC TM, der Telemetriestation für die kleine Hornantenne. Unsere Aufgabe ist es mit der Antenne die Rakete zu verfolgen und die gesendeten Daten aufzuzeichnen als Backup zu den beiden großen Antennen in der Haupttelemetriestation. Wir konfigurieren den Computer und schalten die Receiver ein. Der Receiver in dieser Station ist ein mordernes Gerät, eigentlich mehr ein PC mit Zusatzhardware. In diesem Gerät sind zwei Receiver (für horizontale und vertikale Polarisation), ein Combiner und ein Bit Synchronisator zusammengefasst.

USOC TM Die USOC TM. Rechts das Rack mit der Antennensteuerung und der Empfangsanlage, in der Mitte der Bandrekorder und darüber der Fernseher mit der Countdown Uhr und ganz links der Computer, welcher die Messdaten von der Rakete live anzeigt.

Nun zum Countdown. Eine Stunde vor dem Start wird die Feuerwehr, die Krankenstation und die Luftkontrolle am Flughafen informiert. Gleichzeitig wird ein Wetterballon gestartet. 50 Minuten vor dem Start erfolgt ein Kommunikationstest. Die Startkontrolle fragt über "Big Loop" (das ist ein Kommunikationskanal, mit dem alle Stationen verbunden sind und der auch überall auf der Rocket Range gehört wird) die Stationen ab. Dann wird ein Test der GO/NOGO Lichter durchgeführt. Jede Station besitzt ein kleines Gerät mit einem roten und einen grünen Licht, sowie einem Schalter. Grün bedeutet alles in der Station ist OK für den Start, rot bedeutet halt.

45 Minuten von dem Start geht das "Radio Silence" Licht auf dem Countdown Bildschirm an. Alle Sender müssen nun aus Sicherheitsgründen ausgeschaltet werden. Über "Big Loop" kommt die Aufforderung, den Startturm auf Azimut 330 Grad und Elevation 78 Grad einzustellen. Die Rakete wird nun mit Kabeln verbunden, über welche dann später das Feuer-Kommando übertragen wird.

Nachdem die Verkabelung abgeschlossen und die Startrampe geräumt ist (alles wird über Intercom bestätigt), wird die Sendebeschränkung aufgehoben. Wir richten unsere Hornantenne auf die Startrampe aus. Nachdem die Payload-Gruppe den Sender in der Rakete angeschaltet hat empfangen wir Daten. Die Payload-Gruppe beginnt nun mit dem Test der Nutzlast.

Countdown Bildschirm Der Countdown Bildschirm. Die Sendebeschränkung ist aufgehoben.

Messdaten Wir empfangen Daten von der Rakete

Nach Abschluss der Nutzlasttests wird wieder Radio Silence angeordnet und der Sender ausgeschaltet. 8 Minuten vor dem Start wird die Straße von Andenes nach Bleik geschlossen. Die Sendebeschränkung wird aufgehoben und die Nutzlast angeschaltet, bisher noch auf externer Stromversorgung.

Wir drehen unsere Antenne auf einen Punkt, an dem die Rakete 5 Sekunden nach dem Start sein wird. Wir haben ein Blatt mit der vorausberechneten Flugbahn bekommen. Dort steht für jede Sekunde Elevation und Azimitwinkel. In den ersten 5 Sekunden wird sich der Azimutwinkel von 0 auf 70 ändern. So schnell können wir die Antenne nicht drehen. Das ist aber auch nicht notwendig. Da die Rakete weniger als einen Kilometer entfernt ist, ist die Ausrichtung der Antenne noch nicht kritisch.

Noch 4 Minuten bis zum Start. Der Verantwortliche für die Startrampe bestätigt, dass das gesamte Personal sich unter Dach und in sicherer Entfernung zur Startrampe befindet. Es kommen weitere Meldungen und dann bleibt die Countdown-Uhr stehen. Wir bekommen neue Winkel für den Start der Rakete: Azimut 333,6 Grad, Elevation 75,6 Grad. Ich mache mir Notizen auf meiner Liste. Ich habe keine vorausberechneten Antennenwinkel für diese Startwinkel und versuche abzuschätzen, wieviel Grad wir wohl daneben liegen würden. 75,6 Grad, das sind 2,4 Grad weniger als geplant. Die Rakete wird also nicht so schnell an Höhe gewinnen. Ich entscheide mich dafür, an der 5 Sekunden Make, auf welche ich die Antenne eingestellt habe, 3 Grad abzuziehen. Drei Minuten später wird der Countdown fortgesetzt.

3 Minuten bis zum Start. Von der Startkontrolle kommt die Durchsage

- All Telemetry Stations start recording

Ich starte die Aufzeichnung am Computer und sage via "Big Loop"

- USOC TM recording

Dann kommt auch schon die entsprechende Meldung von der Haupttelemetriestation. Die Sirene geht an und ab jetzt ist es verboten, Autos zu Starten. Denn beim Anlassen von Autos werden starke elektromagnetische Impulse erzeugt, welche die Telemetrie stören.

Messdaten Das Anlassen von Autos ist jetzt verboten.

Eigentlich sollte jetzt die Meldung von der Haupttelemetriestation kommen, dass der Oszillator der Rakete stabil ist. Auch nach zweimaliger Aufforderung durch die Startkontrolle kommt keine Antwort. Die zwei Minuten Marke geht durch. Ich schaue auf die Countdown-Uhr und erwarte schon den Abbruch. Nach einer fast endlos langen Pause kommt schließlich die Meldung

Main TM. Oscillator is stable

Nun geht alles sehr schnell. Eine Minute und 30 Sekunden vor dem Start wird die Nutzlast auf interne Stromversorgung umgestellt. Eine Minute vor dem Start wird von der Startkonrolle ein letztes Mal der Status aller Station abgefragt. Nach dem Aufruf "USOC TM" drücke ich auf den Schalter und das Statuslicht unserer Station springt auf grün. Es kommen nur noch vereinzelt Meldungen auf "Big Loop". 30 Sekunden vor dem Start kommt die Meldung "ARM payload". Ich schaue auf das Computerdisplay am Receiver. Alles soweit OK. Signal ist stabil. 10 Sekunden vor dem Start beginnt eine Computer Stimme rückwärts zu zählen. 10, 9, 8, ... Spätestens jetzt kommt bei allen Beteiligten die Spannung. Auch bei mir.

Vom Start bekomme ich nichts mit. Wir haben zwar an unserer Antenne eine Videokamerea, welche auf das Ziel zeigt, aber ich habe keine Zeit um auf den entsprechenden Monitor zu schauen. Meine Augen sind auf die Anzeige mit der Signalstärke geheftet. Erst gut eine Sekunde nach dem Start erreicht uns ein Grollen. Wir sind mehr als 300 Meter von der Startrampe entfernt und der Schall kommt erst mit Verzögerung bei uns an.

Die Computer-Stimme zählt weiter: 2, 3. Bei 5 schaue ich auf meine Liste mit den vorausberechneten Winkeln. Ich drehe am Knopf für die Elevation-Steuerung und versuche die Antenne genau im Zentrum zu halten. Mein Kollege macht das gleiche in Azimut. Ein Angestellter der Rocket Range steht vor dem Computer, auf dem die Messdaten angezeigt werden. Er sagt wir bekommen Daten und sind auf "Lock". Die Computerstimme zählt jetzt in 5 Sekunden Intervallen. Diese Positionen habe ich mir auf der Liste unterstrichen. Dazwischen zähle ich in Gedanken weiter. 32, 33, 34. Die Rakete hat jetzt ihren höchsten Punkt auf der Bahn erreicht. Ich bin knapp unter 70 Grad Elevation. Soweit ganz gut. Signalstärke ist OK. Alles grün. Nun geht es wieder abwärts. Erst langsam, dann immer schneller. 60 Sekunden. Das Signal auf dem Receiver für horizontale Polarisation wird schlechter. Ich versuche nachzusteuern. Von hinten höre ich "still good signal lock", wir empfangen also immer noch Daten. 70 Sekunden gehen durch. Ich bin bei etwa 40 Grad und zähle weiter. Dann höre ich "signal loss". Ich versuche hastig das Signal wieder zu finden, doch es kommt nur noch Rauschen. Die Signalanzeigen für beide Kanäle ist schwarz. 10 Sekunden zu früh, vorausberechnete Flugzeit war 88 Sekunden. Allerdings berechnet für 78 Grad Elevation. Ich überlege, wie lange wohl die tatsächliche Flugzeit sein könnte. Die Meldung "TM Splash" reißt mich auf. Die Haupttelemetriestation hat das Signal also auch verloren. Ich lasse die Antennenkontrolle los.

3 Minuten nach dem Start. Es kommen nun Statusmeldungen über "Big Loop" und die Aufforderung, die Straßensperrung aufzuheben. Dann wird die Uhrzeit für das Post-flight Meeting bekannt gegeben. Das war die letzte Meldung. Ich stoppe die Datenaufzeichnung und wir schalten alle Geräte aus. Bisher war alles praktisch automatisch. Jetzt kommen mir die ersten normalen Gedanken. Der Start war erfolgreich!

Ich laufe nach draußen. Alles ist ruhig und es hat aufgehört zu schneien. Natalie kommt mir entgegen. Sie hat den Start mit dem Photo aufgenommen.

 

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